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Tierheim Interview – Sandra, Chris & Leon

Viertes Interview.
Tierheimtier-Besitzer berichten über die ersten Tage mit ihren Schützlingen. Das folgende Interview ist Teil einer Serie, zu der ich noch Interviewpartner suche. Wie immer freue ich mich über euer Feedback zum Gespräch auf der Facebookseite oder direkt hier.

Sandras Hunde Chris und Leon sind 16 und 3 Jahre alt und kommen aus Italien/Sizilien.

1. Wie bist du dazu gekommen, einen Hund zu adoptieren? Wie bist du auf ihn aufmerksam geworden und wo hast du ihn entdeckt?
Wir waren auf der Suche nach einem Hund, er sollte aber aus dem Tierheim sein… dafür waren wir in diversen Heimen und haben nur negative Erfahrungen gemacht, sind sogar beschimpft worden. Schließlich haben wir bei ‚Tiere suchen ein zu Hause‘ im Fernsehen den kleinen Verein ‘Holt uns hier raus‘ gesehen und darüber unseren ersten Hund kennen und lieben gelernt.
– Welche negativen Erfahrungen habt ihr in den deutschen Tierheimen gemacht?
In den Tierheimen wurden wir kaum beraten und haben keine Infos über das Verhalten des Hundes bekommen. Dann haben wir auf der Homepage eines nahe gelegenen Tierheimes einen sechs Monate alten Junghund gesehen und sind hingefahren. Dort gab man uns schnell zu verstehen, das aufgrund unserer Berufstätigkeit eine Vermittlung fast aussichtslos sei, obwohl wir im Schichtdienst arbeiten. Wir leben mit den Schwiegereltern in einem Haus und sie wollten sich auch mit kümmern. Auch die Schwägerin wohnt nebenan und unsere Grundstücke liegen zusammen. Sie hatte eine Hündin, sodass auch ein Spielgefährte da gewesen wäre.
Wir sollten unterschreiben, dass wir den Hund ernähren, versichern und Tierarztkosten tragen können. Die Schwiegereltern mussten sich vorstellen und unterschreiben, dass sie den Hund nicht nur in den Garten lassen, sondern ihm einen Sozialkontakt ermöglichen, des Weiteren sollten wir genaue Angaben über die Größe des Hauses und den Garten machen. Am Ende durften wir den Hund nicht adoptieren und wurden sogar beschimpft!
– Wie schade für euch, dass ihr so schlechte Erfahrungen machen musstet! Aber sicherlich wollten die Tierheimmitarbeiter nur das beste für den Schützling.
Was ist weiter mit ihm passiert?

Mit dem Junghund? Er wurde an jemand anderen vermittelt, kam aber nach kurzer Zeit wieder zurück ins Tierheim, da er sein Futter und die Spielzeuge verteidigt und geschnappt hatte. Danach dauerte es noch mal einige Zeit, bis er erneut vermittelt wurde. Seitdem habe ich nichts mehr mitbekommen.
– Das hört sich ja nicht so gut an und zeigt, dass es überall schwarze Schafe gibt. Trotzdem finde ich es gut, dass du die Hoffnung nicht aufgegeben und weiter nach einem Tier aus dem Tierschutz gesucht hast.

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Chris (Foto: Tanja Barczik)

2. Welche Ängste oder Sorgen hattet ihr vor der Adoption und wie habt ihr euch schließlich auf Chris Ankunft vorbereitet?
Wir haben uns langsam aneinander gewöhnt, da er auf einer Pflegestelle war. Trotzdem war die Sorge da, ob er sich eingewöhnen wird und wie er sich verhält, wenn er sich hier heimisch fühlt. Als Vorbereitung haben wir viel über Hunde gelesen und Decke, Näpfe usw gekauft. Zudem hatten wir immer Kontakt zum vermittelnden Verein, auch später, wenn wir für unser Training Hundebegegnungen gebraucht haben.
– Klingt gut! Ihr habt viel über Hunde gelesen, was war besonders hilfreich?
Gelesen haben wir Bücher über den Hund im Allgemeinen und diverse Dinge im Internet. Aber wir haben auch Sendungen, z.B. Martin Rütter, angesehen. Das war aber nicht wirklich hilfreich, da die Auffälligkeiten, Verhalten und Ängste unterschiedlich und individuell sind.

3. Wie war der erste Tag mit ihm?
Zu Beginn war Chris sehr zurückhaltend, er hatte große Angst vor Männern. Nach und nach kamen noch viele weitere Ängste dazu, z.B. wenn wir eine Kerze angezündet haben, dann ist er bei dem Geruch panisch geworden. Komischerweise hatte er nie Angst vor dem Staubsauger 😉
– Habt ihr die anderen Ängste von ihm soweit in den Griff bekommen oder habt ihr euch arrangiert und zündet zum Beispiel keine Kerzen mehr an, wenn er im Raum ist?
Chris hatte wirklich viele Ängste, einige konnten wir lösen bzw. mindern.
– Die Angst vor Männern zum Beispiel. Besonders groß war sie, wenn mein Mann einen „Blaumann“ trug. Das konnten wir mit Ausdauer und Geduld meines Mannes lösen.
– Türen knallen! Deswegen ist er einmal vier Meter in die Tiefe gesprungen.
– Kerzen haben wir ganz lange nicht angezündet. Erst viele Jahre später war es wieder möglich. Aber der Geruch eines gerösteten Toastbrotes im Toaster macht ihn noch immer nervös. Um die Probleme zu lösen, haben wir Hundetrainer und eine Verhaltensberaterin hinzugezogen.

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Chris (Foto: Tanja Barczik)

4. Was hat er als erstes angestellt?
Er hat sich schnell eingelebt und damit fingen die Probleme an. Er hat gepöbelt, gebissen; Menschen und Hunde. Deshalb haben wir die Verhaltenstherapeutin hinzugezogen. Als er dann mein Baby gebissen hat, waren wir sehr verzweifelt… Heute würde ich weniger auf andere hören, was die Erziehung angeht, und viel mehr auf meinen Bauch.

5. Drei Eigenschaften, an denen du immer wieder erkennst, dass er aus einem Tierheim kommt.
1. Angst vor vielen Dingen
2. unsicher
3. schreckhaft

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Leon (Foto: Tanja Barczik)

6. Würdest du wieder einen Hund adoptieren?
Ja! Da es so viele Hunde gibt, die ungeliebt sind und gequält werden. Und auf der anderen Seite gibt es die anderen Hunde, die fast zu Tode geliebt werden.

7. Wie hat sich dein Leben durch den Hund verändert?
Da Chris so garstig war, haben wir weniger Besuch bekommen. Seitdem mussten wir auch bei jedem Wetter raus. Wir haben uns mit dem Thema Tierschutz beschäftigt, viele „Hundemenschen“ kennen gelernt… Silvester bleiben wir jetzt zu Hause.
– Ihr habt einige Einschränkungen im Leben durch eure Hunde, aber ist das trotzdem schön? Wie ist euer Silvester heute und wie war es früher?
Dadurch, das Chris so belastet war und ist, haben wir schon immer Rücksicht genommen. Das ist nicht leicht, trotzdem haben wir ihn behalten, da er ein Mitglied der Familie ist und wir nicht einfach aufgeben, wenn es schwierig wird!
Silvester früher: Party.
Heute ist es ein ruhiges Beisammensein 🙂

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Leon (Foto: Tanja Barczik)

Und zum Schluss, welche Tipps hast du für zukünftige Tierbesitzer?
Nicht voreilig ein Tier aufnehmen! So viele Infos über den Hund in Erfahrungen bringen, wie möglich, und wenn es schwierig wird, NICHT aufgeben! Auch die Kosten, die so ein Tier verursacht, sind mit in Betracht zu ziehen.
– Mit welchen Kosten hattet ihr vielleicht zunächst nicht gerechnet? Welche Kosten sind eher unerwartet?
Chris kommt aus Italien, Assisi. Bevor er nach Deutschland kam, wurde er zwar auf diverse Erkrankungen getestet, aber als er circa drei Monate bei uns war, wurde er trotzdem krank. Wir ließen in auf Mittelmeerkrankheiten testen, was nicht billig ist. Weitere Kosten: 20/40 Test, Sachkundenachweis, Versicherung, Hundesteuer, Hundetrainer und -schule, Verhaltensberaterin und auf Grund von einer Krankheit Spezialfutter.
Der zweite Hund, Leon, kam vor gut 2,5 Jahren mit circa sechs Monaten von Sizilien zu uns. Er hat nichts schlechtes erlebt und ist ein freundlicher Hund. Mit ihm habe ich mir meinen Traum erfüllt und die Ausbildung zum Therapiebegleithundeteam gemacht!

Das ist doch ein tolles Schlusswort! Vielen Dank Sandra, dass du eure Geschichte geteilt hast!