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Sprache Nr. 5 lernen

Letzte Woche war es soweit – das neue Semester hat begonnen!
Aber nicht etwa an der Hochschule, nein, das dauert noch ein wenig. Viel früher starten die Sprachschulen, alias Auslandsgesellschaft, VHS etc.
Genau dort fand ich mich am Abend im Klassenraum mit fremden und bekannten Gesichtern ein, sortierte meine Zettelwirtschaft, die ich im Juli so zurückgelassen hatte und nahm neben einem Herrn im Anzug Platz.
Zwischen uns Studierenden und jungen Eltern wirkte er fehl am Platz. Zudem lag sein russischer Sprachwortschatz deutlich über dem unseres Kurses. Für den fortgeschrittenen Kurs, in dem Auszüge aus einem literarischen Werk auf Russisch gelesen werden, ist er jedoch noch nicht weit genug. Ein Dilemma. Er muss sich unserem Level fügen und kann nicht in seinem Tempo lernen.
Nach der Vorstellungsrunde starteten wir, brauchten aber eine halbe Stunde, bis wir warm wurden und die ersten russischen Begriffe in unseren Köpfen wieder in Bewegung gesetzt wurden. Schließlich haben wir drei Monate kein Wort Russisch gesprochen oder gedacht …

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So sieht die Tafel nach 30 Minuten im Russischkurs aus. Schnell abschreiben!

Halt! Das stimmt nicht ganz.
Am Anfang des Sommers trat die finnische Sprachlernfirma WordDive an mich heran und bat mich, ihr Programm kostenfrei zu testen. Im Gegenzug solle ich auf meinem Blog darüber berichten.
Neue Methoden, Sprachen zu lernen, interessieren mich immer. Und da mir Russisch deutlich schwerer als Englisch, Spanisch oder Französisch fällt, nehme ich jede Hilfe dankend an. Seit einigen Monaten lerne ich nun, mal mehr, mal weniger regelmäßig, mit WordDive. Im Zentrum steht dabei das Wort, nicht etwa die Grammatik.
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Vokabel lernt man nach folgendem Schema:
1. Ein Bild wird eingeblendet und man soll das russische Wort eintippen.
(Richtig getippt -> Gehe zu 4. | Falsch getippt -> Gehe zu 3. | Keine Ahnung -> Gehe zu 2.)
2. Das Wort wird von einem Muttersprachler vorgesprochen.
(Jetzt richtig getippt -> Gehe zu 4. | Doch wieder falsch -> Gehe zu 3.)
3. Die Eingabe wird korrigiert und man bekommt eine neue Chance, es richtig zu schreiben.
(Jetzt richtig getippt -> Gehe zu 4. | Doch wieder falsch -> Gehe zu 3.)
4. Der deutsche Begriff wird eingeblendet und auf Russisch noch einmal vorgelesen.
5. Anschließend gibt es einen einfachen Satz, in dem die Vokabel eingebaut ist. Er wird gezeigt und vorgelesen.
6. Dann kommt die nächste Vokabel und der Spaß beginnt von vorn.

Kompliziert? Ach was, das ergibt sich aus der intuitiven Benutzung.
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Bei abstrakten Wörtern wie „gemeinsam“ oder „Enkel“ ist dieses Bilderprinzip manchmal etwas kompliziert.
Das Programm ist mit einem Punktesystem versehen – ein Muss für jedes Computerspiel. Es gibt Wochen- und Fortschrittsanzeiger. Erreicht man eine bestimmte Menge Punkte, Kopfhörer, Haken und Sonnen, springt der kleine Schwimmer ins Wasser und taucht ab – mehr verrate ich hier nicht.

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Ich habe 17 Punkte erreicht und 12 als Bonus bekommen. Insgesamt sind das heute schon 86 von 150. Das heißt, dass nur noch 64 fehlen! Ich finde, dass WordDive auch zum Mathematikunterricht beiträgt.

 

Nun möchte ich euch natürlich nicht vorenthalten, was das Programm – seit neuestem sogar mit App für das Smartphone – mit mir angestellt hat:

1. Tippen auf kyrillisch.

Tatsächlich! Man kommt um das Schreiben auf der Tastatur nicht herum. Im Kurs kann man die Zeichen von der Tafel abmalen und notfalls fotografieren, wenn man noch nicht schnell genug kritzelt. Die erste Schwierigkeitsstufe bei WordDive besteht schließlich darin, herauszufinden, wie man überhaupt auf Kyrillisch tippen kann. Beim Mac geht das gut über die Systemeinstellungen. Das Sprachenlernprogramm leitet einen zu Beginn der ersten Übung zu einer Seite weiter, auf der alles erklärt wird.
Anschließend forsche ich durch das Internet und bestelle mir kyrillische Aufkleber in hellblau für meine Tastatur.
Die bringe ich zwar auf, benutze sie aber selten. Meist blende ich auf dem Bildschirm eine digitale Tastatur ein und tippe blind – wie beim Klavierspielen.

2. Aussprache!

Ich lerne nur dann mit WordDive, wenn ich alleine bin und mich wirklich niemand hören kann. Dann spreche ich zuerst die neue Vokabel und anschließend das darauf folgende Satzbeispiel laut und vollständig nach. Nicht ein-, zwei- oder dreimal. Ich spreche es so lange aus, bis meine Zunge sich verknotet hat und ich keine Lust mehr habe. Immer in der Hoffnung, doch noch mehr zu lernen. Einige Male ist es mir nun schon passiert, dass sich meine Sätze für mich ziemlich Russisch angehört haben. Das verbuche ich nun als Erfolg und Erfolg führt zu dem wichtigsten Element beim Sprachen lernen:
Motivation.

3. Sprachgefühl.

Durch das Aneinanderreihen der Wörter bekommt man ein Gefühl für den Satzbau, was ein Adjektiv und was ein Nomen ist. Auch Feinde wie Genitive und Präpositive verstecken sich in den Übungen. Aber dadurch, dass sie nicht beim Namen genannt werden, sondern ich sie einfach nur vorlese, immer und immer wieder, verinnerliche ich sie und merke (hoffentlich bald) intuitiv, was richtig und was falsch ist.
Ich lerne wie ein Kind.

4. Bei der russischen Familie

meines Freundes, die ich seit gefühlt einigen Monaten nicht mehr gesehen habe, verstehe ich nun plötzlich deutlich mehr, also noch vor der Arbeit mit WordDive. Ich kann sogar schon viel mehr sagen. Ob das nun Zufall ist oder mit welchem Sprachkurs es zusammenhängt, das weiß ich nicht, ist auch egal. Aber sicher ist: Es gibt wieder Motivation!

Mein Fazit?

Ich glaube, dass eine solche Software eine hervorragende Ergänzung zum Erlernen einer Sprache ist. Mir hat sie auf jeden Fall sehr geholfen. Zu Beginn reicht das springende Männlein und der steigende Punktestand („Du hast schon 200 Wörter dauerhaft gelernt!“) für das wichtigste von allem, ihr wisst schon: Motivation.
Schließlich gehöre ich zu dem Großteil der Deutschen, die leistungsorientiert ihr Wachstum beobachten und analysieren wollen.
Dabei verbinde ich nicht die russischen Begriffe mit den Deutschen, sondern mit Bildern. Durch die visuellen Reize, denen wir durch Computer, Handy und Co jeden Tag ausgesetzt sind, ist unser Gehirn stärker denn je darauf getrimmt. Warum sollte man sich das Phänomen nicht zunutze machen?
Fast hätte ich es vergessen: Grammatik gibt es auch, allerdings zum Eigenstudium. Sie ist aufgelistet wie ein Lexikon. Dafür werde ich weiter meinen Kurs in der Auslandsgesellschaft belegen. Der Kurs ist auch gut dafür, sich regelmäßig mit der Sprache zu befassen. Eine Webseite gerät schnell in Vergessenheit.

Wer jetzt dennoch denkt, dass er mit WordDive mal eben Russisch oder eine der vielen anderen angebotenen Sprachen (Englisch, Deutsch, Spanisch, Finnisch, Französisch, Schwedisch, Japanisch, Estnisch, Russisch, Italienisch) lernen kann, der hat sich jedoch geirrt. Denn Sprachenlernen ist, ganz gleich ob mit virtuellem oder realem Sprachkurs, eine sehr mühsame und zeitintensive Angelegenheit. Meine Erfahrung ist aber, dass sich diese Investition am Ende auszahlt.

Lust, WordDive einmal zu testen?
Klickt ihr auf den Link, bekomme ich eine kleine Provision und danke euch, dass ihr meinen Blog und meine Versuche, Russisch zu lernen, unterstützt 🙂
Die Buchempfehlung
Darf natürlich, wie am Ende von jedem Blogeintrag, nicht fehlen:

Passend zum Thema Sprachen lernen empfehle ich euch das Buch „Rom, Villa Massimo“ von Hanns-Josef Ortheil. Es handelt von einem jungen Lyriker, der ein Stipendium für einen einjährigen Aufenthalt in Rom bekommt. Während er mit dem Dasein als Schriftsteller und den Egos der anderen Künstler vor Ort kämpft, lernt er die Hauptstadt Italiens auf seine Art kennen und spricht am Ende des Jahres tatsächlich Italienisch.